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Wie wir The Last Faust gemacht haben

1. Was hat Dich dazu inspiriert, TLF zu machen, und wie vertraut warst Du bereits im Vorfeld mit Goethes Werk?

Ich mag Paula Regos illustrative, theatralische Bilder von portugiesischen Volkssagen und Dalis Illustrationen von Dantes Inferno aus der Göttlichen Komödie. Diese brachten mich auf die Idee, selbst ein literarisches Werk – ob nun einen Roman oder ein Theaterstück – zu interpretieren und Gemälde und Skulpturen zu erschaffen. Ich habe zwar eine französische Schule besucht, bin aber Deutscher. Es hätte also ebenso gut ein französisches Buch wie ein deutsches sein können. Ich erinnerte mich noch dunkel an Goethes Faust 1, den ich in meiner Jugend gelesen hatte. Ich fand, dass der faustische Pakt in unserer hochtechnologisierten Welt noch immer sehr relevant ist. Deshalb kaufte ich mir eine Ausgabe des Faust und begann zu lesen. Ich genoss die Vielschichtigkeit des Werkes und war begeistert wie viel es uns auch heute noch zu sagen hat. Außerdem fand ich den Faust 2 interessanter als den Faust 1. Ich entschied diesen Stoff zu wählen. Es war fast, als hätte der Faust nur darauf gewartet, von mir entdeckt zu werden.

Im Oktober 2017 las ich das Stück immer und immer wieder und markierte mir die Teile, die mir am wichtigsten erschienen und die meiner Meinung nach im 21. Jahrhundert die größte Relevanz besitzen. Dies gab mir eine Grundstruktur, die ich so lange überarbeitete, bis ich 37 Szenen hatte, die später die Schlüsselszenen für The Last Faust wurden.

Dann überlegte ich, wie ich diese Szenen künstlerisch am besten interpretieren könnte. Zuerst machte ich kleine Skizzen von 4×5 Zentimeter. Auf dieser Basis erschuf ich Bleistiftzeichnungen von 76×56 Zentimeter, die mir später als Storyboard für die Fotografien und den Film dienten.

Unser Ansatz war, die Szenen mit Schauspielern nachzustellen. Meine Lebensgefährtin Daniele würde diese Szenen fotografierten und ich diese Fotografien dann als Vorlagen für meine Gemälde und Skulpturen verwenden. Zu dieser Zeit hatten wir ein überschaubares Budget vorgesehen.

Dann entdeckte ich durch Zufall im Internet großartige hyperrealistische Fotos. Ich war fasziniert und versuchte, mehr über Computer optimierte Fotografie herauszufinden. Ursprünglich hatte ich surreale Hintergründe für die Fotos erschaffen wollen. Dann wurde daraus die Idee, surreale Fotokunstwerke mit Hilfe von Computertechnologie zu kreieren. Wir trafen uns mit dem CGI-Artist und Agenten John Fox, der uns dabei helfen würde.

Im März 2018 entstand die Idee, die Darsteller zu den Szenen passende Zitate aus dem Faust rezitieren zu lassen – als Material für kurze Kunstvideos. Wir suchten einen freiberuflichen Filmregisseur, der uns helfen konnte, diese Vision umzusetzen. Jetzt benötigten wir ein Fotostudio und einem kleinen Videoraum.

Ich bin ein großer Bewunderer von Bob Wilson. Die Art, wie er Licht und Farben einsetzt – oft in Form von Projektionen -, um surreale und wirkungsvolle Hintergründe zu erschaffen, ist beeindruckend. Mir kam der Gedanke, ein Theaterstück zu filmen und dabei Projektionen einzusetzen, um surreale, künstlerische Bilder zu erschaffen, die nahe an meinen ursprünglichen Zeichnungen waren. So konnten wir beeindruckende Effekte erzielen, ohne den Rahmen unseres Budgets zu sprengen.


‚die Wette‘ mit Paul Orchard und Glyn Dilley ©The Humm Collection

Das Filmprojekt nahm konkrete Formen an und im April begannen wir mit dem Casting. Wir suchten nach Charakterdarstellern mit markanten Gesichtern. Gleichzeitig arbeitete ich weiter an dem Drehbuch, dem Storyboard und dem Produktionsplan. Mir wurde klar, dass ich einen 90-minütigen Spielfilm drehen wollte. Doch die Suche nach dem richtigen Regisseur gestaltete sich zunehmend schwierig. Die meisten waren unflexibel, nicht kreativ oder zu teuer. Schließlich half mir Daniele aus und suchte in Deutschland nach einem Regisseur. Sie fand Dominik Wieschermann, einen deutschen Regisseur, der sich auf Werbefilme spezialisiert, aber auch einige interessante Kurzfilme gedreht hatte. Sie mochte seinen Stil und nahm Kontakt zu ihm auf. Er antwortete sofort und wir begannen ein Gespräch. Dominik war mir sofort sympathisch. Er war professionell, flexibel und hatte einen Sinn für Kunst, da er Design studiert hatte.

Im April und Mail erstellten wir den Drehplan, schrieben weiter am Drehbuch und verfeinerten das Storyboard. Außerdem arbeitete ich mit der Kostümbildnerin an den Kostümen und den Requisiten. Viele Requisiten fanden wir über Amazon. In der Zwischenzeit bereitete Daniele den Fotoshoot vor, fand zwei zusammenhängende Studios und buchte den Rest des Teams.

Im Mai reiste Daniele für zwei Wochen nach Malaysia und ich flog nach New York – für eine Kunstmesse und zum Studienabschluss meines Sohns. Wir arbeiteten vom Ausland aus weiter an dem Projekt. In New York wurde mir klar, dass wir für einige Szenen professionelle Tänzer und einen Choreographen brauchten. Ich begann mit der Suche und buchte nach meiner Rückkehr zwei Tänzerinnen und einen Choreographen.

Die ersten zwei Juniwochen probten wir mit den Schauspielern. Ab dem 10. Juni richteten wir die Studios ein und am 11. Juni begann die Produktion.

Diese umfasste 15 arbeitsintensive Tage. Wir schafften im Schnitt 2,5 Szenen am Tag und wechselten zwischen dem Film- und dem Fotostudio hin und her. Das Filmstudio war eigentlich zu klein und leider nicht schallisoliert. Doch wie durch Zauberhand ging m Ende alles gut. Vor allem, weil wir durchgehend wunderbare Menschen angeheuert hatten – echte Teamplayer.


Scarlett Wilson ©The Humm Collection

Die gesamte Erfahrung hat allen viel Freude gemacht. Wir beschlossen während der Proben spontan, ein Pferd in eine der Szenen zu integrieren. Eine unserer Darstellerinnen, Isabella Bliss, hat eine Freundin, die ein Pferd besitzt. Wir baten Edwin de la Renta, einen sehr talentierten schwarzen Schauspieler, blaue Kontaktlinsen zu tragen und sich die Haare blond zu färben, damit er „arisch“ aussah. Wir scheiterten bei dem Versuch, unsere Schauspieler aufeinandersitzend fliegen zu lassen. Die Gurte waren einfach zu schmerzhaft. Also mussten wir improvisieren. Und wir verwendeten eine Puppe statt eines echten Babys für die Rolle des Euphorion.

Zu dieser Zeit hatte ich noch vor, einen Offsprecher die Geschichte erzählen zu lassen, damit das Publikum den Zusammenhang der 37 Szenen besser erfassen konnte. Ich dachte dabei an einen Charles Gray, der Erzähler aus der Rocky Horror Picture Show. Daniele und ich machten Urlaub in Apulien und ich nahm Kontakt zu einigen Drehbuchautoren auf, um den Text des Erzählers umzuschreiben. Bei der Arbeit am Drehbuch kam mir der Gedanke, Fausts Nachfolger Dr. Goodfellow zu erschaffen. Durch ihn konnte ich die Geschichte besser im 21. Jahrhundert verankern. Ich entschied mich für Ellen Waddell, eine junge Drehbuchautorin und Stand-Up-Comedian. Ihr Beitrag war unbezahlbar. Sie verwandelte meine Aufzeichnungen in richtige Dialoge.


Philipp Humm und Steven Berkoff ©The Humm Collection

Derweil telefonierte und korrespondierte Daniele mit zahllosen Casting-Agenten, um sie zu überreden, uns ihre größten Stars zu überlassen. Im August kontaktierte sie Steven Berkoffs Agenten. Steven war sehr von dem Projekt angetan und sagte zu. Er war perfekt für die Rolle. Steven gehört zu den besten Schauspielern in Großbritannien und hat einen unverwechselbaren Stil. Er spielt gerne Schurken und verfügt über eine unschätzbare Bühnenerfahrung.

Nachdem er unterschrieben hatte, brauchten wir einen neuen, eindrucksvollen Drehort in oder um London. Im Lordship Park im Osten Londons entdeckten wir ein schönes, großes Stadthaus, welches oft als Filmstudio diente. Die zweite Phase der Produktion mit Steven Berkoff, Edwin de la Renta und Isabella Bliss begann am 25. September und dauerte drei Tage. Daniele überwachte den Dreh, machte die Setfotos und die Kunstfotografien. Ich inszenierte die Filmszenen und die Fotoaufnahmen. Unser Budget war auf £850.000 angewachsen. Damit hatten wir unseren finanziellen Spielraum ausgereizt.

Am 27. September beendeten wir die Film- und Fotoaufnahmen. Wir begannen nun mit der Bearbeitung der Kunstfotos und mit der Postproduktion des Films. Der wurde im Januar 2019 fertig, die Fotografien im März.

Ich arbeitete jede Woche ein bis zwei Tage intensiv mit John Fox an den Fotografien. Einige ähnelten meinen ursprünglichen Skizzen extrem, bei anderen hatten wir ganz neue Ideen,

Glücklicherweise brachte unser Filmregisseur Dominik Wieschermann viel Erfahrung in der Postproduktion mit. Er konnte den Film selbst schneiden und am Computer bearbeiten. Die anspruchsvolleren Computeranimationen ließ ich in Österreich und Georgien machen. Wir arbeiteten als ein Team vor Ort und konnten so unnötige Bürokratie vermeiden und spontan Entscheidungen treffen. Da uns bei der Produktion zeitlich und örtlich enge Grenzen gesetzt gewesen waren, mussten wir bei der Auswahl und Bearbeitung des Filmmaterials kreativ werden. Von vielen Szenen gab es nur wenige Takes und die Einschränkungen bei den Räumlichkeiten stellten uns vor einige Herausforderungen.

Florian Siegmund war unser Tonmeister bei der Filmmusik. Sein erste Entwurf hatte mir nicht gefallen und ich dachte schon, ich müsste das musikalische Konzept selbst erarbeiten – dabei bin ich musikalisch nicht begabt. Ich hörte mir 77 verschiedene Film-Soundtracks an und merkte, dass es klassische Musik sein sollte. Etwas Deutsches, das gut zu Goethes Faust passte. Da kam uns natürlich gleich Richard Wagner in den Sinn. Sein Werk besitzt Tiefe und ist vielseitig. Und er hat Musik zum Faust komponiert. Aber die Musik sollte nicht zu sehr im Vordergrund stehen. Deshalb entschied ich mich für Wagners Klavierstücke. Am Ende hörte ich mir all seine Klavierkompositionen an und wählte Elsa als musikalisches Thema und Stücke für die Szenen. Anhand dieser Vorgabe hat Florian gezaubert. Er erschuf eine wunderbare Musik, die den Film sehr bereichert.


Florian Siegmund und Philipp Humm

 

2. Der Faust-Epos hat ein sehr ausgedehntes Narrativ und behandelt verschiedene philosophische Standpunkte. Wie bist Du vorgegangen, um die beiden Teile in einem einzigen Drehbuch flüssig zu verbinden?

Goethe hat über 30 Jahre am Faust 2 geschrieben. Aus diesem Grund erschienen mir einige der Originalszenen etwas zu barock. Und nicht alle trugen wirklich zur Handlung bei, zum Beispiel der Plutus-Umzug oder die klassische Walpurgisnacht. Deshalb ließ sich sie weg. Ich änderte das Drehbuch auch, wenn ich es für nötig hielt. Ich ließ den Homunculus am Leben und machte ihn zu Fausts Testamentsvollstrecker. Den Engel ließ ich die Rolle des Chors der Engel übernehmen und gab ihm eine eigene Persönlichkeit. Und ich erschuf Dr. Goodfellow, Fausts Nachfolger. Dadurch konnte ich meine ganz eigene Geschichte schreiben und erzählen, wohin das blinde Streben nach technologischem Fortschritt die Welt meiner Meinung nach am Ende bringen wird.

 

3. Du hast die Rolle von Dr. Goodfellow mit Steven Berkoff besetzt. Berkoff gilt als unberechenbarer Darsteller und Autor. Hattest Du ihn beim Schreiben bereits als Besetzung im Kopf? Wie war Euer erstes Gespräch? Hatte er den Stoff bereits durchdrungen?

Ich hatte noch nicht an Berkoff gedacht, als ich die Figur des Dr. Goodfellow entwickelte. Aber wir kontaktierten ihn, weil wir wussten, dass er perfekt für die Rolle sein würde. Er verstand den Stoff und war fasziniert von seinem Charakter. Vielleicht hat der ihn sogar dazu inspiriert, sein Stück Harvey zu schreiben.

 

4. Der Film TLF orientiert sich stark am Theater. Was sind Deine filmischen Bezugspunkte? (sprich, gab es Filme, die den generellen Look beeinfluss haben?)

Einer meiner Bezugspunkte war der Erzähler aus der Rocky Horror Picture Show. Bei der Inszenierung und beim Stil ließ ich mich von Kubriks Uhrwerk Orange inspirieren. Und was das Theater betrifft, so war Bob Wilson ein großes Vorbild für mich.

 

5. Du nennst TLF ein Gesamtkunstwerk. Hast Du die anderen Aspekte des Opus – die Gemälde, die Fotografien, die Zeichnungen – nur als Hilfsmittel für den Film erschaffen oder handelt es sich um ein umfassendes Werk?

Es ist ein umfassendes Werk. Ich finde es faszinierend, wie unterschiedlich die Interpretationen ein und desselben Sujets ausfallen, je nachdem, welchen Mediums man sich bedient. Jedes Medium bietet seine eigenen, einzigartigen Möglichkeiten und Beschränkungen.

 

6. Das Faust-Epos wurde schon sehr oft adaptiert. Bereits in den ganz frühen Jahren des Kinos. Was unterscheidet Deine Vision von der Faust-Mythologie älterer Produktionen?

Bisher hatte weltweit noch niemand Faust 1 und Faust 2 filmisch bearbeitet. Ich mag den Faust 1 zwar, ich empfinde die Gretchen-Geschichte aber im Vergleich zu den vielschichtigen Handlungen des Faust 2 als etwas oberflächlich. Ich finde, dass die Faust-Oper von Gournaud etwas seicht ist. Er reduziert Faust auf einen alten Mann, der wieder jung sein will, um eine neue Liebe zu finden. Dabei geht es im Faust doch in erster Linie um das Streben eines Wissenschaftlers, Gottes Schöpfung nachzuahmen. Goethes Faust ist sehr viel tiefgründiger.

 

7. Die Bildsprache von TLF ist zum großen Teil ausgesprochen modern. Einige Szenen könnten aus Pop-Videos stammen, während andere auf klassische Kunstwerke verweisen. Fühlst Du dich nicht an ein bestimmtes Genre gebunden?

Die Bildsprache ist tatsächlich sehr modern, künstlerisch und bunt. Die Szenen und die Auswahl der Kostüme werden wahrscheinlich für Diskussionen sorgen. Zum Beispiel verwenden wir eine weiße Burka, um Schönheit zu betonen, statt sie zu verbergen. Und Nazisymbole dienen als Verweis auf den deutschen Rassenwahn. Blonde Haare bei einem schwarzen Schauspieler, ein burlesker Engel, ein Fatsuit für Phorkyas…


Burqa ©The Humm Collection

 

8. Was war die größte technische Herausforderung bei der Produktion des Films?

Da wir 2,5 Szenen pro Tag schaffen mussten und parallel Film- und Fotoaufnahmen machten, blieb uns für den eigentlichen Dreh nur wenig Zeit. Wir konnten nur wenige Takes machen und hatten kaum Raum für Experimente. Darüber hinaus war das Studio zu klein zum Filmen. Wir hatten Probleme, die Kamera so aufzustellen, dass alles aufs Bild ging. Außerdem waren die Tonaufnahmen schwierig, weil wir immer wieder Autos und Flugzeuge hörten

 

9. TLF kommt Ende des Jahres in die Kinos. Was für eine Reaktion erwartest Du vom Zuschauer?

Der Film wendet sich an ein intellektuelles Publikum mit Liebe zum Theater, zur Kunst und zu Arthausfilmen. Es sollte sie begeistern, dass das Werk Kunst, Theater und Kino auf diese Weise verbindet – so etwas gab es bisher nur ganz selten.

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