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Faust interpretationen

Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich bin ein reicher Mann mit Stil
Ich treib mich schon sehr lang herum, Seelen zu stehlen ist mein Spiel

-Sympathy For The Devil, The Rolling Stones (1968)

Es wird oft gesagt, dass die Menschen dann die Waffen erheben, wenn die Zeiten schlimm sind, vor allem in politscher Hinsicht. Doch sie scheinen dann auch stets den Faust als kulturelle Metapher wiederzuentdecken. Goethes Interpretation des Faust kann als eine Art Leitfaden für fast jede politische Ideologie verwendet werden. Klaus Manns Novelle Mephisto aus dem Jahr 1936 wird häufig als Beispiel dafür herangezogen, wie ein Autor das faustische Narrativ für seine eigene Botschaft neu auslegt. Mann erzählt in seinem Werk von einem Schauspieler, der sein Gewissen verrät, um sich bei den Nazis lieb Kind zu machen. Klaus Manns Vater Thomas Mann veröffentliche nach dem Krieg seinen Roman Dr. Faustus. Darin gibt ein Komponist des 20. Jahrhunderts seine Seele und seine Gesundheit hin (er lässt sich wissentlich mit Syphilis anstecken, um wahnsinnig zu werden), um sich ein kreatives Genie verwandeln zu können.

Die Rolling Stones rebellierten mit ihrem Song Sympathy For The Devil zwar nicht gegen die Swinging Sixties, wohl aber gegen das damalige Establishment. Sie sicherten sich ihren Platz in der Pop-Geschichte auch auf ähnliche Weise wie der Teufel aus dem Lied, der sich darin seiner Erfolge rühmt. Der Rock and Roll und sein angeblich satanischer Einfluss auf die Jugend wird heute noch genauso gefürchtet wie vor 70 Jahren. Alternde Rockstars haben mit Faust gegenwärtig mehr gemeinsam denn je. Ihr Vermächtnis und ihr deprimierend vorhersehbarer Absturz sind oft Folge von sexuellen Fehltritten, häufig mit deutlich jüngeren Frauen. Auch nach Jahrhunderten wird Gretchen noch immer ausgenutzt.

Adaptionen von Fast gehören schon seit dem ersten Tag zur Filmgeschichte. F.W. Murnaus Faust – eine deutsche Volkssage aus dem Jahr 1926 ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Murnaus visuellen Effekte erzeugen eine Atmosphäre des Schreckens, vor allem durch den Einsatz von bedrohlichen Schatten und durch eine beklemmende Kameraführung. Weltberühmt wurde diese Technik in seinem bekanntestem Werk Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens. Murnaus Bildsprache und Bildgestaltung waren von seiner Zeit an der Ostfront im Ersten Weltkrieg geprägt. Einen großen Einfluss hatte auch sein Freund, der Maler Franz Mark, ein wichtiger Vertreter der Künstlergruppe Blauer Reiter.

Philipp Humms The Last Faust bedient sich immer wieder der deutschen Ikonographie. Aber anders als bei Murnau bleiben diese Motive nicht verborgen, sondern stehen im Vordergrund. Das Element des Schauers wird ersetzt durch das Anschauliche / Graphische und weicht damit dramatisch von Murnaus folkloristischer Geschichte ab, die jedes deutsche Schulkind kennt.

Humms Interpretation von Goethes Faust II ist die Mauer, die The Last Faust von allen anderen Versuchen unterscheidet, die Geschichte auf Zelluloid zu bannen. Es gibt zahllose Adaptionen und immer geht es um die Grundidee, dass der Mensch nach Macht und Reichtum giert. Oliver Stones Wall Street basiert zwar nicht direkt auf Faust, doch der Film und seine Figuren sind aus dem gleichen Stoff gewebt. Die Grundaussage lautet: „Gier ist gut.“ Und gab es je einen Charakter, der den Teufel besser in seinem eigenen Spiel hätte schlagen können als Gordon Gecko?

In der Zeit als Amerika die Weltwirtschaftskrise überwandt, kam der auf einer Kurzgeschichte von Stephen Vincent Benét basierende Film Der Teufel und Daniel Webster in die Kinos. Darin verkauft der Kleinbauer Jabez Stone, der vom Pech verfolgt wird, seine Seele an den Teufel (Mr. Scratch) und erhält als Gegenleistung sieben Jahre des Wohlstands. Nach Ablauf der Frist stellt er den Pakt in Frage und heuert den Politiker Daniel Webster an, ihn vor Gericht zu verteidigen. Webster kann den Prozess gewinnen, doch wird ihm von Mr. Scratch seine eigene Zukunft enthüllt.

Die Geschichte stammt aus einer Zeit, in der die amerikanische Öffentlichkeit noch an ihre Führer glaubte. Im gegenwärtigen politischen Klima in den USA würden die Bürger wahrscheinlich mehr Vertrauen in den Teufel setzen als in die Taugenichtse, die an der Macht sind.

Im Jahr 2011 stellte der russische Regisseur Aleksandr Sokurov seine ganz eigene Version des Faust vor. Bei ihm gibt es keine Erlösung. Sokurovs gepeinigter Gelehrter lebt in einer Welt von Schmutz und Elend, die an das Werk von Dickens erinnert. Der Film ist mit seinen zweieinhalb Stunden sehr lang und für Zuschauer oft verwirrend, vor allem wenn sie mit der Vorlage nicht vertraut sind. Sokurov verwendet ohnehin nur gewisse Elemente des Klassikers. Da sein Werk darüber hinaus sehr brutal und die Kameraführung anstrengend ist, verwundert es nicht, dass es bei der Kritik durchfiel.

Gerade zeigte das Royal Opera Haus im Londoner Covent Garden David McVicars Adaption von Gounods Faust. Die Handlung ist im Paris der 1870er-Jahre angesiedelt und konzentriert sich (wieder einmal) nur auf den ersten Teil. Statt nach Wissen und Macht trachtet Faust hier danach, jung und begehrenswert zu sein, um sein Verlangen nach jungen Frauen zu befriedigen. Obwohl das Opernhaus zu den besten der Welt gehört, war die Inszenierung wenig originell und blieb beim altbekannten, beliebten Fahnenschwingen.

Direkt nach McVicars Produktion kam eine andere Inszenierung auf die Bühne. Dieses Mal adaptierte Richard Jones Berlioz‘ Le Damnation de Faust für das Opernfestival im südenglischen Glyndebourne.

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